Katze unter Spionageverdacht
Hat Freya ein Geheimnis, das zu lüften dem britischen Geheimnisdienst bisher nicht gelungen ist? Im Londoner Regierungsviertel Whitehall fragt man sich zunehmend, ob etwas in Downing Street 11 nicht stimmt. Dort, gleich neben Downing Street 10 und Premierminister David Cameron, residiert nämlich Schatzkanzler George Osborne, der britische Finanzminister. Und dort haust auch die Katze Freya.
Osborne hatte Freya vor vier Jahren seinen Kindern zum Geschenk gemacht – als seine Partei noch nicht an der Regierung war und die Familie noch in Notting Hill, in einem Haus im Nordwesten Londons, wohnte. Eines Tages war Freya spurlos verschwunden. Betrübt und ohne Freya zogen die Osbornes in die Downing Street, als im Mai 2010 die Konservativen ans Ruder kamen und David Cameron seinem engsten Verbündeten das Finanzministerium übertrug.
Zwei Jahre später aber tauchte die Katze wieder aus der Versenkung auf: Ein früherer Nachbar in Notting Hill hatte sie entdeckt und über einen eingepflanzten Chip identifizieren können. Die Streunerin hatte offenbar die ganze Zeit über in der Nähe der alten Behausung gelebt. Die Osbornes nahmen sie wieder in ihren Familienverbund auf. Freya zog nach Downing Street 11. Sie wurde im vorigen Sommer zu einem festen Bestandteil der britischen Regierungsszene. Sehr zum Kummer des Katers Larry übrigens – des CameronKaters in Downing Street 10, den sich der Regierungschef in einem Tierheim beschafft hatte, um endlich die Mäuseplage in der Regierungszentrale zu beenden. Da «Chefmauser» Larry aber lieber faul auf dem Ohr lag, als sich der kleinen Nager anzunehmen, wurde die lebhaftere Freya als «Nebenjägerin» eingesetzt. Allerdings kam es auch zu Zusammenstössen zwischen den beiden Mausern. Pressefotografen in der Strasse dokumentierten mehrfach fauchende Begegnungen. Einmal versetzte Freya Larry einen linken Haken. Die Regierungssprecherin musste böse Absichten dementieren.
Den Londoner Sicherheitsbehörden macht die Tatsache Sorge, dass Freya unentwegt herumschnüffelt, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat. In vielen Winkeln der Regierungszentrale ist sie geortet worden. Nebenan im Aussenministerium hat sie sich umgesehen. Im Kabinettsraum von Downing Street 10, in dem die grossen Zukunftspläne diskutiert werden, hält sie sich unauffällig unter den Stühlen auf, und im Finanzministerium kennt sie ohnehin jedes Eckchen. Einmal ist sie in einem der roten Dokumentenköfferchen ertappt worden, in denen der Schatzkanzler wichtige Papiere aufbewahrt. Sogar bei einer geheimen Übung der Kriegsmarine soll sie anwesend gewesen sein, lautlos im Schatten des Raumes sitzend.
Den ewig misstrauischen Geheimdienstleuten gefällt nicht, dass Freya drei Jahre lang «verschwunden» war. Könnten fremde Finsterlinge dem Tier womöglich einen Abhör-Chip eingepflanzt haben? Selbst im Red Lion Pub, der Lieblingskneipe von Politikern und Presseleuten zwischen Downing Street und Parlament, wird die neugierige Katze mittlerweile häufig gesichtet. Eine vierspurige Strasse überquert sie, um an diese wichtige Informationsquelle zu kommen. So sie nicht irgendwelche unterirdischen Geheimgänge zu dem Treffpunkt kennt.
TagesAnzeiger/online
Ricotimi - 20. Jun, 09:45